Silke R. - Schöne neue Welt, ich hab mich auf den Weg gemacht.





Anlässlich des Tages der Offenen Tür 2003 der Drogenberatungsstelle Magdeburg haben wir Freunde aus der Selbsthilfegruppe „Wege aus der Sucht“ (Alkohol- und Drogenabhängigkeit) der DROBS Magdeburg uns überlegt, die Alkoholkrankheit in übersichtlicher Form einmal darzustellen. Wir hoffen, wir können damit unsere Krankheit, die noch immer oft tabuisiert wird, etwas erklären und sehen darin einen aktiven Beitrag im Rahmen der Selbsthilfe.
Wir treffen uns immer donnerstags um 17 Uhr, hier in den Räumlichkeiten der DROBS und freuen uns über jeden Besuch und über jedes neue Gruppenmitglied, ganz egal, ob selbst abhängig oder ratsuchend. Jeder ist herzlich willkommen.
Sie können uns aber auch eine e-Mail schreiben: wege_aus_der_sucht@gmx.de lautet die Adresse, eine Rückantwort ist garantiert.
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Abhängigkeit und Sucht (Alkoholabhänigkeit)

Der ältere Begriff "Sucht" wurde von der Weltgesundheitsorganisation(WHO) durch den Begriff der "Abhängigkeit" ersetzt. Die Alkoholabhängigkeit ist eine von der WHO anerkannte Erkrankung.
Suchtauslösend sind zahlreiche unterschiedliche "Drogen", an erster Stelle rangiert in Deutschland die Alkoholabhängigkeit mit 2,5-3 Millionen Betroffenen. Sie machen den größten Teil der Abhängigkeitskranken aus. Allerdings besteht eine recht hohe Dunkelziffer, so dass die tatsächlichen Zahl höher liegen dürfte.
Unter den Alkoholabhängigen finden sich mehr Männer, wohingegen Frauen häufiger von Medikamentenabhängigkeit betroffen sind.
Die Lebenserwartung von Alkoholkranken ist wesentlich niedriger; sie ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung um ca. 15 % reduziert.
Bei Abhängigkeit und Sucht handelt es sich um ein zwanghaftes Bedürfnis und Angewiesensein auf eine bestimmte Substanz, wobei zwischen psychischer und körperlicher Abhängigkeit unterschieden wird.
v psychische Abhängigkeit: das übermächtige und unwiderstehliche Verlangen, eine bestimmte Substanz wieder einzunehmen,
v körperliche Abhängigkeit, die durch Dosissteigerung und das Auftreten von Entzugserscheinungen gekennzeichnet ist.
Abhängiges Verhalten ist durch einen Teufelskreis gekennzeichnet: Durch den Konsum von Alkohol wird eine unbefriedigende und als unerträglich erlebte Situation scheinbar verbessert.
Entstehung und Entwicklung einer Abhängigkeit im Zusammenspiel zahlreicher Faktoren:

Beschaffung und Verfügbarkeit
Alkohol ist nahezu rund um die Uhr und sehr leicht und preiswert zu beschaffen (qualitativ geringwertige Abfüllungen für wenig Geld Supermärkten und Tankstellenshops) und wird wegen dieser Legalität auch oftmals verharmlost.

Wirkung des Alkohols, Abhängigkeitspotential und Toleranzentwicklung
Weil Alkohol ein ausgesprochen breites Wirkungsspektrum verspricht und hält, hat es ein großes psychisches und körperliches Abhängigkeitspotential.
Wegen des immer größer werdenden Bedarfs an Alkohol zur Befriedigung der Motivation zum Trinken entwickelt sich eine unterschiedliche, zumeist ständig zunehmende Toleranz, d.h. der Alkoholiker „verträgt“ immer größere und härtere Mengen an Alkohol..

„erwünschte“ Wirkungen des Alkohols:
- Alkohol erleichtert Kontakte.
- Alkohol entspannt.
- Alkohol wirkt motivierend, macht kreativ und aktiv und inspiriert..
- Alkohol macht mutig, locker und gesellig (Spaß an Verbotenem und Risiko)
- Alkohol bekämpft negative Gefühle (Ängste, Depressionen und Langeweile)
- Alkohol erleichtert, Schmerzzustände zu ertragen.
- Alkohol ist eine Ein- und Durchschlafhilfe.

meist zugrundliegende psychische Probleme des Alkoholkranken
- Selbstunsicherheit und Komplexe, dominant niedriges Selbstwertgefühl, leichte Beeinflussbarkeit, (unsichere und ängstliche Personen treten unter Alkoholeinfluss wesentlich gelöster auf)
- Kontaktstörungen und Geltungsdrang (erleichtere Kontaktaufnahme mit anderen Personen unter Alkoholeinfluss stehend, Straftaten und Verkehrsdelikte unter Alkoholeinfluss, Selbstüberschätzung)
- Leistungssteigerung bei Überforderungen in allen Lebensbereichen,
- ausgeprägtes Unvermögen zur realistischen Einschätzung der eigenen Lebenssituation (Problemverdrängung oder „scheinbare“ Hilfe und Lösung bei Problemen)
- bei Frustrationen und depressiven Verstimmungen fehlen angemessenen Strategien, ) mit Konflikten umzugehen (Ausbildung des Problemtrinkens, erhöhtes Abhängigkeitsrisiko)

Rolle des Alkohols in der Gesellschaft und individuelles soziales Umfeld
- Alkohol ist aus der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken, wird toleriert und gehört nahezu schon zum Alltag in allen Lebensbereichen. Für die Entstehung von Alkoholabhängigkeiten ist das ein nicht unwesentlicher Fakt.
- Abstinenzen und Verweigerungshaltungen zum Alkohol fallen auf und werden oft nicht auf Anhieb respektiert („Dieses eine Glas ist doch nicht so schlimm!.).und werden zum Teil auch belächelt.
- Trinkfestigkeit wird gern als eine körperliche Stärke gesehen (bestimmte Berufsgruppen, Vereine usw.).
- Erfolge, Geburten, Jubiläen und andere Anlässe werden zumeist „begossen“.
- Kinder erleben und erlernen in ihren Elternhäusern unangepassten und regelmäßigen Alkoholskonsum Sie sehen, dass Alkohol bei ihren Eltern Bestandteil der Freizeit ist und gehört zur Problem- und Konfliktbewältigung eingesetzt wird. Später übernehmen sie dieses Verhalten.
- Oft sind es Kinder aus Familien mit gestörten Beziehungen, die abhängig werden. Auch der Einfluss von Gleichaltrigen ist groß.

Der Weg in die Alkoholabhängigkeit:
1. Gebrauch
2. Missbrauch
3. Abhängigkeit

Phaseneinteilung durch den amerikanischen Forscher Jellinek:

Vorphase:
- gelegentliches Erleichterungstrinken
- Erhöhung der Alkoholtoleranz (Steigerung der Trinkmenge)
- häufiges Denken an Alkohol
- Umgehen von Gesprächen über Alkohol
- Aufbau von Schuldgefühlen

Kritische Phase:
- regelmäßiges Trinken (zum Teil auch schon morgens) mit Kontrollverlust über die Trinkmenge
- Spannungen und Konflikte mit dem Umfeld (Familienangehörige, Partner, Freunde, Arbeitskollegen)
- gewolltes Vernachlässigungen oder Abbruch von partnerschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen
- Selbstmitleid, Isolation, Vernachlässigung der physischen (Ernährung) und psychischen Hygiene
- Rechtfertigung für das Trinkverhalten durch vielfältige Probleme

Anzeichen der Alkoholabhängigkeit:

1. Körperliche Abhängigkeit
Anstieg der notwendigen Alkoholmenge, um die gewünschte Wirkung zu erreichen (Toleranzentwicklung)
Ausbildung von Entzugserscheinungen bei fehlender Alkoholzufuhr
- Schwitzen und Schweißausbrüche
- Zittern, Angst
- Gereiztheit, Nervosität und innere Unruhe
- Übelkeit, Erbrechen,
- Herz-Kreislauf-Probleme

2. Psychische Abhängigkeit
ØKontrollverlust über die Trinkmenge (Trinken bis zum „Filmriss“, Erinnerungslücken),
Økrankhaft gesteigertes und gieriges Verlangen nach Alkohol,
ØVorratshaltung („Notschluck“), da eine fehlende Notreserve als unerträglich empfunden wird
Øerfolglose eigenständige Abstinenzversuche (Angst vor der Abstinenz)
Øhäufige Stimmungsschwankungen und Angstzustände (Depressionen, Wahnvorstellungen bis hin zur akuten Suizidgefährdung)

Folgen der Alkoholkrankheit

1. Körperliche und gesundheitliche Folgen
Der hohe und oftmals exzessive Alkoholkonsum hat zumeist dramatische Auswirkungen auf den gesamten Körper:
- Ausbildung einer Fettleber und Leberzirrhose bis hin zum tödlichen Organversagen (alkoholtoxische Leberzirrhose)
- Schädigungen der Speiseröhre und des Magens bis hin zu tödlichen Blutungen (Ösophagusvarizenblutung, Gastritis)
- Herzerkankungen (Kardiomyopathie)
- Schädigungen des zentralen Nervensystems (Polyneuropathie)

Soziale Folgen (Familie, Freunde, Beruf)

1. Familie/Angehörige
- extreme Belastungssituation für die Familie
- Ratlosigkeit im Umgang mit der Krankheit (resultierend aus fehlender Sachkenntnis)
- Schamgefühle der gesamten Familie nach Außen (soziale Isolation)
- Verletzungen, Tätlichkeiten und Wut über das Erscheinungsbild des alkoholkranken Familienmitgliedes
- familiäre Zerrüttung bis hin zur Trennung und Scheidung
- Kinder könnten durch diese Erlebnisse seelisch traumatisiert sein (frühzeitige Selbständigkeit, Verlassen des Elternhauses)

2. Freundschaften
- durch die dominante Rolle des Alkohols verliert der Alkoholiker das Interesse an seinem bisherigen freundschaftlichen Umfeld
- im Zuge der fortschreitenden Vereinsamung wird die Sucht immer stärker betrieben, neue Freundschaften werden nicht mehr geschlossen
- Vereinsamung oder Orientierung an andere nasse Alkoholiker

3. Arbeit/Beruf
- statistisch gesehen fehlen Alkoholiker 16mal häufiger, sind häufiger 2,5mal häufiger arbeitsunfähig geschrieben
- Störung der Betriebsabläufe durch Zuspätkommen oder unentschuldigtes Fernbleiben vom Arbeitsplatz
- schuldhafte Arbeitspflichtverletzungen
- deutlich geringere Arbeitsleistung durch Müdigkeit und Konzentrationsschwäche
- Häufung von Arbeitsunfällen in produktiven Berufen
4. Sozialer Abstieg
Ø Trennung oder Scheidung vom Partner
- Ausführen von Straftaten (Diebstahl zur Finanzierung der Sucht, Körperverletzung, Verkehrsdelikte)
- zunehmende finanzielle Probleme bis hin zur Zahlungsunfähigkeit
- Vernachlässigung von Zahlungsverpflichtungen (Miete) und folgende Obdachlosigkeit
- zunehmend sucht der Alkoholkranke die Nähe zu gleichgesinnten und ebenfalls kraftlosen Alkoholkranken

Mögliche Wege aus der Sucht

1. Ansprechen, Reden und Motivieren
- keine Vorwürfe, keine Beleidigungen, Mut machen
- die Wichtigkeit und den Wert des Alkoholkranken hervorheben
- dem Alkoholkranken muss erklärt werden, dass er KRANK ist
- individuelle Gründe für die Entstehung der Alkoholsucht gemeinsam suchen
- aus jedem Spannungs- und Stressfeld herausnehmen (Ruhe und Entspannung geben und Schlafen ermöglichen)
- aktive Einflussnahme auf die Körperpflege und die Ernährung
- Einplanen von viel Zeit zum Zuhören und Reden

2. Professionelle Hilfe
- der Alkoholiker und Angehörige/Helfende sollten sich umgehend um professionelle Hilfe bemühen (die Krankheit muss von beiden Seiten verstanden und als solche akzeptiert werden)
- der gemeinsame und schnellstmögliche Besuch einer Selbsthilfegruppe und Beratungsstelle hilft, Ängste und Schuldgefühle abzubauen
- Kontakte zu trockenen Alkoholikern suchen
- Aufsuchen


 


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